casi-abi 04
 

gk tasler








ich zähle die stunden

„Der Kuckuck und der Esel“ ertönt… es ist ein Pfeifen. Es nähert sich. Unaufhaltsam. Ein widerhallender Stechschritt wird langsam vernehmbar. Im Marschschritt kommt die Kaspar-Mode-Kollektion anno 1969 ins Blickfeld, getragen von ihm, dem eisernen Didaktiker, den meisten nur bekannt als T, Dr. T. Der gelbe Genscher-Pullunder hängt lässig über die hell braunen, leicht verwaschenen Cordhosen, der milde Duft von Mottenkugeln füllt den Raum und dann, unvermittelt, lässt er seine Hauptmannsstimme ertönen:

„Willkommen zu Grundkurs Total, bitte stellen Sie das Reden und Rauchen ein – letzteres ein Leben lang –, begeben Sie sich in eine aufrechte Position und schalten Sie unterdessen Ihre Kopfhörer auf Ssstereo – wir haben heute ein übervolles Programm. Laura, das gilt auch für Sie – von Ihnen hören wir auch noch mal die Grußworte.“ Ein ängstliches Nuscheln ertönt. „Da die deutsche Literaturgeschichte so überreich an Facetten ist, legen wir unmittelbar los mit dem „Martini“, wobei ich hiermit nicht das gleichnamige alkoholische Getränk meine, das Sie hoffentlich noch nicht näher kennen gelernt haben. Schlagen Sie bitte das Kapitel über Thomas Mann auf (das Büchlein besteht lediglich aus einem in Schriftgröße 6 abgedruckten Fließtext von 800 Seiten Umfang, d. R.). Tobias, hören wir von Ihnen nicht noch ein Referat über Ingo Schulzes „Simple Storys“? Im Übrigen eines der bedeutendsten Werke der modernen deutschen Literatur, die leider Gottes immer mehr beherrscht wird von Trash-Literatur, die sich durch ein unmögliches pseudokosmopolitisches Imponiergefasel auszeichnet, die es jedem verlottertem Fußballspieler erlaubt, seine bedauernswerte Existenz durch die Hand eines minder begabten Ghostwriters für die Nachwelt auf Papier zu bannen.“

So findet dieser Anfangsmonolog eine 90-minütige Fortsetzung, eines Stream of Consciousness keinesfalls unwürdig. Gähnen verbreitet sich ob der dargebotenen Überinformation. Nicht ganz unschuldig daran ist die sich auf etwa 30+ °C belaufende Temperatur, die untersagte Fensteröffnung und die auf Hochtouren laufende Heizung, deren Abschalten vom inzwischen selbst unbestreitbar schwitzenden Kursleiter allerdings strikt untersagt wurde. Allseits beliebt waren allerdings seine regelmäßig wiederkehrenden Belehrungen über die Fehlleistungen der derzeitigen Regierung: „Die Bundeswehr kann, obwohl sie einmal eine der wehrhaftesten Armeen war, leider Gottes herabgewirtschaftet von Rrrrot-Grrrün, heute nur noch jeden siebten Jagdbomber einsetzen, was den Status Deutschlands als Weltmacht in unerhörter Weise untergräbt. In gleicher Weise tut dies diese von amerikanischen Langzeitstudenten ausgehende Pseudo-Bewegung der Political Correctness. Oder Grrrünpeace, diese Verbrecher-Organisation. Es ist zum Verzweifeln. Schauen Sie sich doch einmal Ihre Heimatstadt an: Coburgs Vergangenheit war blühend; da sieht die Gegenwart eher bescheiden aus, von der Zukunft mag man gar nicht reden.“ Oder wenige Nebensätze später: „Heinrich Heine, der bedauerlicherweise zeit seines Lebens an einer MLS, einer myatrophischen Lateralsklerose, und an einer progressiven Paralyse litt, hatte jedoch immer noch ein leichteres Schicksal zu ertragen als Charles Baudelaire, dergestalt, dass seine Mutter ihm nicht – wie jene von Baudelaire – seine gestorbenen Geschwister als Föten in Gläsern vorstellte.“ Tja, so entstehen große Lyriker.

Dies alles haben wir dem eisernen Didaktiker zu verdanken, der im Grunde seines Herzens doch ein echter Philanthrop ist. Zeigen und hören will er dies allerdings sicher nicht. Deshalb möchten wir uns von Ihnen, Herr Dr. Tasler, in einer solch lebensweisheitlichen Weise verabschieden, dass es Ihnen – Gott weiß, warum auch immer – Tränen in die Augen treiben dürfte:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.